Manchmal wünscht man sich einfach eine historische Bluse in seinem Kleiderschrank, die einen unkomplizierten Schnitt hat, schnell zu nähen geht und preisgünstig ist.
Historische Schnittmuster sind ziemlich aufwendig
Wer schon einmal historische Schnittmuster in der Hand gehabt hat und ein Kleidungsstück historisch korrekt genäht hat, weiß, dass es eine Menge Zeit in Anspruch nimmt.
Noch dazu, wenn man es entweder ganz oder teilweise mit der Hand näht, anstatt mit der Nähmaschine.
Oft bestand ein Oberteil im 19. Jahrhundert und früher aus 12 Teilen oder mehr:
- 2 Rückenteile,
- 2 seitliche Rückenteile,
- 2 seitliche Vorderteile,
- 2 Vorderteile sowie
- 4 Teile für die Ärmel (ein Ärmel bestand aus einem äußeren und inneren Ärmel)
Hinzu kamen noch Verzierungen, Kragen etc. Und oftmals hatten die Oberteile ein Futter, was heutzutage ja auch kaum noch vorkommt.
Dagegen wirken unsere modernen Oberteile, die nur noch aus Vorder- und Rückenteil + Ärmel bestehen, sehr, sehr einfach und häufig wie ein Sack.
In der heutigen Zeit ist man jedoch im Alltag so eingespannt, dass kaum noch richtig Zeit zum Nähen bleibt.
Alternative für historische Schnittmuster
Daher hab ich nach einer Alternative gesucht, womit man eine Bluse nähen kann, die zwar historisch aussieht, aber trotzdem relativ schnell zu nähen ist.
Der Trick ist eigentlich ganz einfach:
- Man hat sein Grundschnittmuster, nimmt sich das Vorderteil und fügt 2 Abnäher ein, die senkrecht von der Brust bis zur Hüfte verlaufen.
- Dann fügt man noch einen Brustabnäher ein, der vom Ärmelausschnitt in Richtung Brust verläuft.
- Die Seiten dürfen natürlich auch nicht gerade verlaufen, sondern müssen an der Taille so weit verengt werden, wie es die Figur hergibt.
- Beim Rückenteil fügt man ebenfalls Abnäher ein. Einen an der Schulter und einen anderen, der senkrecht bis zur Hüfte verläuft.
Und voilà, schon hat man einen Basis-Grundschnitt mit dem arbeiten kann und der an vergangene Zeiten erinnert.
Tipp für historische Ärmel Schnittmuster
Historische Ärmel Schnittmuster gibts entweder von Truly Victorian oder in diversen historischen Büchern, in denen Schnittmuster enthalten sind. z. B.
- Making Victorian Costumes for Women (von Heather Audin)
- Making Edwardian Costumes for Women (ebenfalls von Heather Audin)
- Historical Pattern Archive (von Marcy Linton)
- Authentic Victorian Fashion Patterns – A complete Lady’s Wardrobe (von Kristina Harris)
Mein Ärmel Schnittmuster stammt aus dem Buch „Making Victorian Custumes for Women“ von Heather Audin (S. 127).
Ich denke, es wird wohl mein Lieblingsärmel werden. Er besteht aus einem äußeren und inneren Ärmel.
Der äußere Ärmel ist an der Armkugel leicht gepufft, aber nicht so überdimensional wie die Ballonärmel aus den 1830er Jahren.
Er lässt sich ziemlich einfach zusammennähen und dadurch, dass er an der Armkugel gerafft wird, passt er in jedes Armloch.
Ich hab festgestellt, dass er sowohl mit leichterem als auch stärkerem Stoff funktioniert. Er benötigt auch kein extra Futter oder Tüll, damit er steht.
Im folgenden findest du die einzelnen Schritte, wie ich die Bluse genäht habe. Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen.
Ich hab für die Bluse leichten Baumwoll-Flanell genommen. Es geht also durchaus auch mit dünnerem Stoff.
Inhaltsverzeichnis Historische Bluse für den Alltag nähen
Schnittmuster auf Stoff übertragen und Abnäher nähen
Als erstes muss natürlich das Schnittmuster auf den Stoff übertragen werden.
Die Abnäher zeichne ich nicht erst ein, da ich sie beim Schnittmuster ausgeschnitten hab.
Somit kann ich das Schnittmuster auf den Stoff legen und mittels des Leiterstichs den Abnäher nähen.
Am besten mit einer Farbe, die man gut auf dem Stoff sieht, denn der Faden wird später wieder heraus gezogen.
Beim Leiterstich sticht man am Anfang des Abnähers ein, lässt ein Stück Faden draußen hängen (ohne zu verknoten) und sticht anschließend auf der gegenüberliegenden Seite ein. Das macht man immer so weiter und arbeitet sich so bis zur Spitze vor.
An der Spitze angekommen zieht man an den Fadenenden und der Abnäher zieht sich wie durch Zauberhand zusammen.
Nun braucht man ihn nur noch glatt bügeln und kann ihn schon nähen.
Spitze vom Abnäher markieren für gleiche Länge
Bei Abnähern ist es wichtig, dass sie die gleiche Länge haben. Vorder- und Rückenteil bestehen ja aus zwei spiegelverkehrten Teilen.
Wenn man da nicht genau das Ende der Spitze markiert, passiert es leicht, dass ein Abnäher länger und der andere kürzer ist.
Ich mache es mittlerweile so, dass ich auf einer Seite vom Vorder- oder Rückenteil die Abnäher nähe und auf der anderen Seite mit einer Stecknadel die Spitze markiere.
Dann weiß ich ganz genau, wie weit ich nähen muss.
Vorder- und Rückenteil mit Overlock versäubern
Ich liebe ja meine Overlock. Ohne sie geht bei mir nur ganz wenig. Ruckzuck sind die Kanten versäubert, was unglaublich Zeit spart.
Auch, wenn es nicht historisch korrekt ist. Aber manchmal muss man eben Kompromisse machen.
Wenn alle Abnäher genäht sind, versäubere ich alle Kanten (bis auf den Ausschnitt und Bund) mit der Overlock.
Vorder- und Rückenteil zusammennähen
Als nächsten Schritt kann man schon das Vorderteil an das Rückenteil nähen, sowohl an den Seiten, als auch an den Schultern.
Die Knopfleiste kann man auch schon umbügeln und mit Kantenfix verstärken.
Kurze Anprobe an der Büste bzw. hab ich es mir angewöhnt, es sofort selbst anzuprobieren. So kann man sicher sein, ob alles passt.
Schrägand an Saum heften
Nun wird der Ausschnitt mit Schrägband eingefasst.
Dazu bügelst du das Schrägband glatt, klappst die Knopfleiste wieder um und legst das Schrägband außen auf die rechte Seite des Stoffes direkt entlang des Ausschnitts. Man kann auch jeden anderen Streifen Stoff nehmen.
Ich bin ein Freund des Heftens und befestige alles mit Heftstichen. So kann beim Nähen nichts mehr verrutschen.
Schrägband umklappen und Ausschnitt mit Kantenfix verstärken
Folglich wird das Schrägband nach innen auf die linke Stoffseite umgeklappt.
Nicht vergessen sollte man das Verstärken des Ausschnitts mit Kantenfix. Er wird dadurch am Ende so viel schöner und glatter.
Schrägand im Nahtschatten nähen
Im nächsten Schritt näht man das Schrägband im Nahtschatten von außen an und schneidet überstehende Nahtzugabe zurück.
Knopfleiste und Knöpfe annähen
Jetzt wird die Knopfleiste noch abgesteppt, die Knopflöcher genäht und die Knöpfe angenäht.
Ärmelbündchen nähen
Für mich ist das Umschlagen des Ärmelendes immer noch die einfachste und schnellste Methode für einen sauberen Ärmelabschluss.
Natürlich kann man auch eine Manschette dran nähen.
Danach schließ ich die zweite Ärmelnaht und schon ist der Ärmel fertig.
Ärmel an Armkugel raffen
Um den Ärmel an der Armkugel zu raffen, näht man einfach zwei parallele Linien mit dem größten Stich der Nähmaschine.
Ein Ende verknotet man, am anderen Ende zieht man am Faden, sodass der Stoff gerafft wird.
Ärmel in Armkugel einsetzen
Am einfachsten ist es, den Ärmel erst einmal mit Stecknadeln in die Armkugel zu heften. So kann man das Oberteil anprobieren und schauen ob er gut sitzt, bevor man ihn annäht.
Bei Ärmeln mit zwei Nähten muss die hintere Naht immer an der Seitennaht entlang laufen.
Da der Ärmel leicht gebeugt ist, kann man auch rechts und links nicht verwechseln.
Vor dem Annähen hefte ich den Ärmel mit Faden ans Armloch, damit nichts verrutscht.
Rüsche an Ausschnitt nähen
Für die Rüsche am Ausschnitt hab ich ein ungefähr 3 cm breites Band aus dem gleichen Stoff zugeschnitten (Nahtzugabe kommt noch dazu).
Die Enden und Seiten hab ich zweimal umgeschlagen und festgenäht. In der Mitte der Rüsche hab ich eine Naht zum Raffen genäht und die Rüsche dann schön gerafft.
So wird sie dann mit Stecknadeln an den Ausschnitt geheftet und festgenäht.
Samtband anbringen
Zuguterletzt hab ich noch ein farblich passendes Samtband auf die Rüsche genäht. Diesmal von Hand. Denn ich liebe einfach Samtbänder.




























