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Viktorianische Bluse nähen 1896

Dieses Weihnachten wird viktorianisch

Bald ist Weihnachten und wie wäre es da mit einer weihnachtlichen Garderobe aus dem späten 19. Jahrhundert?

Ich finde im Winter viktorianische Kleidung einfach herrlich und am passendsten.

Katalogbild 1896 Bodice mit Puffärmel

Die riesengroßen Puffärmel, die es damals gab, sind für mich perfekt für die kalte Jahreszeit und man fühlt sich jedesmal gleich wärmer. 

Außerdem wärmen die eng anliegenden Schnitte und oft gefütterten Oberteile auch besser, als locker geschnittene Kleidung.

Rahmen verschnörkelt umgedreht braun
Viktorianische Bluse nähen 1896 - Katalogbild zwei Damen

Keine Lust mehr auf moderne Kleidung

Irgendwie habe ich keine Lust mehr auf moderne Kleidung. Es ist jedes Jahr das gleiche und kaum ändert sich etwas.

Blättert man dagegen in alten Katalogen, ganz gleich aus welchem Jahr, hauptsache vor 1980, dann entdeckt man viel interessantere Schnitte.

Besonders historische Mode vor 1900 hat es mir angetan. Das sieht alles so viel cooler und femininer und aufregender aus.

Es gibt so wunderschöne Puffärmel in allen Varianten, die man sich nur vorstellen kann. Und es gibt dazu noch Trompetenärmel, Kimonoärmel, Ärmel mit zwei Nähten …

Inhaltsverzeichnis Viktorianische Bluse nähen 1896

Eine Bluse wie in den Period Dramas

Und durch die ganzen Period Dramas, die zur Zeit gedreht werden – was ja ein Traum für jeden historische-Mode-Verliebten ist – wird das ganze noch mal richtig angefeuert.

Da möchte man am liebsten selbst in die Klamotten steigen und eine Emma, Eleonor oder Queen Victoria sein. Raus aus dem Alltagsgrau und hinein in romantische Verstrickungen und Verwicklungen, eingetaucht in schöne englischen Landschaften und zu Gast bei den feinsten englischen Familien.

Und beim Spaziergang im Regen, läuft einem dann Mr. Darcy übern Weg, der freundlich seinen Hut zückt.

Aber kommen wir zurück zur Mode aus der damaligen Zeit. Ich wollte dieses Weihnachten nun endlich einmal ein Kleid haben, was dem Anlass würdig ist und so richtig weihnachtlich aussieht und in den weihnachtsfarben rot und grün.

Schottenkaro und gepuffte Ärmel

Und da ich Schottland verliebt bin kam für mich nur ein Schottenkaro in Frage.

Irgendwie bin ich im Internet dann auf diese gepufften Ärmel gestoßen und hab mich direkt verliebt.

Mein Herz machte Freudensprünge

1896 Taille mit Puffärmel

Egal, was die Leute denken würden (wir sind eh nicht die großen Ausgeher und die meiste Zeit daheim in einem kleinen Familienkreis), solche Ärmel müssten es schon einmal sein.

Schließlich gehöre ich auch keiner hohen Gesellschaftsschicht an, die mich droht auszuschließen, wenn ich so etwas anziehe.

Puffärmel 1896
Puffärmel 1897
Puffärmel 1895
Puffärmel 1896 mit Biesen

Das Schnittmuster ist gefunden

Glücklicherweise entdeckte ich genau das passende Schnittmuster bei Truly Victorian Patterns. Dort gibts ganz bezaubernde viktorianische Schnittmuster. Aber auch welche von anderen Epochen.

Das Schnittmuster ist vom 1896 Bodice. Die schrägen Streifen vorn hab ich allerdings weggelassen.

Und man stelle sich vor: allein das Oberteil (ohne Ärmel) besteht aus 7 Teilen. SIEBEN TEILE.😮

Und aus wievielen Teilen besteht ein modernes Shirt? Zwei. Dabei ist der Körper alles andere als 2-dimensional. 

Kein Wunder, dass die Leute damals immer so schick aussahen.

Die Bluse (auch bezeichnet als Bodice oder Tagestaille) ist sehr tailiert und eng anliegend geschnitten.

Korsett - nein danke

Ich habe sie jedoch nicht knalleng genäht, da ich nicht will, dass die Nähte platzen, wenn ich mich bewege.

Auch trage ich ja kein Korsett drunter. Aber die kleinste Größe vom Schnittmuster passt mir perfekt, sodass ich nur wenige Änderungen vornehmen musste, wie die Taille verlängern, da ich einen sehr langen Oberkörper habe.

Die Stäbe, mit denen die Tagestaille früher verstärkt wurde, habe ich ebenfalls weggelassen.

3-dimensionale Form durch Abnäher

Wie man bei bem Oberteil erkennen kann, hat es vorn zwei schicke Abnäher rechts und links. Damit passt es sich perfekt an den weiblichen Körper an.

Dadurch wird es quasi 3-dimensional.

Und das Beste ist, man braucht nicht einmal einen BH drunter ziehen und bekommt trotzdem eine schön geformte Bluse.

So wie die weibliche Anatomie eben ist. Das find ich so genial.

Der passende Stoff

Aber jetzt solls auch schon losgehen mit der Fertigung dieser wunderschönen Bluse.

Ich finde, sie würde auch super zu Jeanshosen passen, nebenbei bemerkt. (Leider ziehe ich keine Jeanshosen mehr an, sonst hätte ich mal ein Foto gemacht)

Als Stoff kannst du praktisch alles nehmen, aber ich würde jetzt nicht unbedingt Kunstfaser oder elastische Stoffe nehmen. Baumwolle, Leinen oder wie in meinem Fall Flanell geht am besten.

Ich hab Flanellstoff verwendet, der innen leicht angeraut ist. Da mein Stoff etwas dünn ist, hab ich ins Oberteil ein Futter aus leichter Baumwolle eingenäht.

Ein Muster anfertigen

Die Ärmel sind ungefüttert. Wenn dein Stoff etwas dicker ist, kannst du das ganze auch ohne Futter nähen.

Natürlich empfiehlt es sich immer zuerst ein Muster aus altem Stoff zu nähen, um zu schauen, ob das Schnittmuster auch richtig sitzt. Das spart spätere Enttäuschung, wenn man den guten Stoff zuschneidet.

Und bei solchen historischen Schnittmustern, die auf Figur geschnitten sind, muss das Schnittmuster schon richtig sitzen. Sonst sieht es nachher nicht schön aus und man ist unzufrieden und es bleibt ein Ladenhüter im Schrank.

Nahtzugabe im Schnittmuster

Übrigens ist die Nahtzugabe von 1,2 cm im Schnittmuster bereits enthalten, was ich natürlich anfangs überlesen habe.

Dadurch war es an einigen Stellen bei mir etwas zu weit.

Und obwohl das Schnittmuster nur in englischer Sprache verfasst ist, kriegt man es dennoch hin, denke ich. Denn vieles ist einfach selbst erklärend.

Und es gibt auch ein paar Bilder in der Anleitung. Die Schnitteile sind alle so markiert, dass man auch nix falsches zusammen setzen kann.

Die Fertigung der viktorianischen Bluse

Schnittteile auf Stoff übertragen

Wenn das Muster fertig gestellt ist und alles passt wie es sein soll, überträgt man alle Teile auf den Stoff.

Dabei muss man beachten, dass man für die Knopfleiste 4 cm Nahtzugabe gibt (wenn die Knopfleiste 2 cm breit sein soll).

Alle Teile des Oberstoffs zusammennähen

Ich hab es so gemacht, dass ich einmal die Teile für das Vorderteil ausschneide und aus Futterstoff die Teile für das Futter.

Dann hab ich die Teile vom Vorderteil zusammengenäht und die Teile vom Futter.

Da mein Flanellstoff ziemlich leicht ausfranste, hab ich alle Nähte mit der Overlock versäubert. Eigentlich braucht man es nicht, wenn man ein Futter hat, denn die Nähte sind ja dann alle im Futter.

Aber ich wollte lieber auf Nummer sicher gehen.

Schulternähte schließen

Hier wird das Vorderteil an die restlichen Teile genät und anschließend werden die Schulternähte geschlossen.

Über die Nahtzugabe nähen

Es ist wichtig immer ein Stück über die Nahtugabe zu nähen. Das macht es später einfacher, wenn man z. B. den Ärmel annähen will. 

Schnitteile aus Futterstoff zusammennähen

Mit dem Futter wird genauso verfahren wie mit dem Oberteil. 

Die Nähte innen braucht man nicht versäubern. 

Fertiges Oberteil aus Futterstoff

So sollte das Futter dann ausehen, wenn es fertig genäht ist. 

Fertige Bluse aus Oberstoff (ohne Ärmel)

So sieht dann das fertig genähte Oberteil aus.

Futter an Oberstoff nähen

Da ich einen runden Ausschnitt ohne Kragen haben wollte, war es das beste, das Futter beim Ausschnitt und entlang der Knopfleiste anzunähen.

Danach wendet man das ganze und hat sogleich schon einmal einen sauberen Abschluss beim Kragen und der Knopfleiste.

Wichtig ist, dass man die Knopfleiste vorher noch mit Vlieseline oder Saumband verstärkt. Sonst verliert sie schnell an Form und wird mit der zeit wellig.

Et voilà. So hat man einen schwierigen Teil vom Oberteil schon mal geschafft.

Ärmel zuschneiden

Als nächstes werden die Ärmel zugeschnitten. Wie früher üblich bestehen die Ärmel aus zwei Nähten und sind leicht geformt, so wie die natürliche Haltung der Arme ist.

Das gibt ein unglaublich bequemes Tragegefühl und ich möchte dafür für keinen modernen Ärmel drauf verzichten.

Wenn man es noch nicht probiert hat, kann ich es nur empfehlen. Ich finde, es sieht in keinster Weise altmodisch oder komisch aus, selbst wenn man den Puff weglässt, was ja auch möglich ist.

Ärmel zusammennähen

Der äußere Ärmel wird nun an den inneren genäht. Ich hab sie vorher wieder mit der Overlock versäubert.

Allerdings nähe ich immer nur EINE Naht zu, damit ich anschließend das Bündchen umnähen kann. Diese Methode hat sich für mich einfach am praktischsten erwiesen.

So hat man ein flaches Stück Stoff, was man zweimal umnäht und fertig ist das Ärmelbündchen.

Die Deko, in dem Fall das Samtband, nähe ich eh meist am Ende von Hand drauf.

Ärmelbündchen nähen

Wenn das Bündchen umgenäht ist, kann man dann die zweite Ärmelnaht schließen und fertig ist der erste Teil des Ärmels.

Beim Puffärmel muss man manchmal ein wenig tricksen, damit er schön stehen bleibt.

Früher wurden dafür sogar Käfige angefertigt, die man extra unter die Kleidung und über die Arme gezogen hat, damit sie schön standen.

Oder man hat Tüll verwendet, der durch seine steife Textur den Puff zum Stehen brachte.

Puffärmel zuschneiden und zusammennähen

Ich hatte jedoch noch Korsettstoff (Coutil) da, den ich vor langer Zeit mal bestellt und noch übrig hatte. Und für meine Begriffe passt er perfekt.

Er ist nicht zu dick und doch hat er die nötige Steife, damit der Puff ein bisschen steht.

Den Puffärmel näht man an der Seitennaht zu, genau wie den Puff aus Korsettstoff oder stärkerem Stoff, was immer man da nehmen möchte.

Danach wendet man den Puffärmel und setzt den Puffärmel aus stärkerem Stoff von innen hinein, sodass die linken Seiten aufeinander liegen.

Am besten heftet man beide Lagen mit Heftgarn zusammen, damit sie nicht verrutschen.

Puffärmel raffen

Als nächstes näht man entweder mit der Nähmaschine oder per Hand zwei parallele Nähte mit größerem Stich, durch die der Puffärmel dann gerafft wird und seine eigentliche Form erhält.

Das ganze macht man sowohl oben als auch unten.

Jetzt kommt der etwas knifflige Teil. Denn man muss den Puffärmel wieder umkrämpeln, über den geraden Ärmel schieben (sodass die rechten Seiten aufeinander liegen) und an der im Schnittmuster eingezeichneten Linie am Ärmel annähen.

Dann wird er nach oben zur Armkugel hin umgestülpt.

Puffärmel an Ärmel und anschließend an Oberteil nähen

Nun heftet man den Puffärmel an den geraden Ärmel. Das macht das Annähen des gesamten Ärmels an die Schulter einfacher.

Die hintere Naht des Ärmels muss dabei mit der Seitennaht vom Oberteil übereinstimmen. Aber alles andere würde auch komisch aussehen.

Die offenen Kanten des angenähten Ärmels hab ich von Hand mit Schrägband versäubert.

Anfangs hatte ich ein bisschen Bammel, ob das klappt, aber ich finde es eigentlich ziemlich praktisch. Denn oft klappt das Versäubern mit der Overlock in den Rundungen von der Armkugel doch nicht so richtig.

Knopflöcher nähen und Knöpfe annähen

Jetzt fehlen eigentlich nur noch die Knopflöcher, Knöpfe und der Saum, was ein Kinderspiel ist.

Man sollte nur nicht wie ich den Fehler machen und die Knopflöcher mit zu großem Abstand nähen.

Bei Museumsstücken sieht man auch oft, dass die Knopflöcher quer genäht wurden. Bei größerer Oberweite sicher von Vorteil.

Ich hab in den Saum noch ein Bleiband eingenäht, damit die Bluse schön unten bleibt und nicht hoch rutscht. Aber das ist kein Muss.

Verzierung anbringen

Zum Schluss darf das Ganze natürlich noch nach Lust und Laune verziert werden.

Ich hab dunkelrote Samtbänder an den Ausschnitt und die Ärmelenden per Hand angenäht.

Die einzige Sache, die ich beim nächsten Mal anders machen würde, wäre, dass ich den Saum unten auch per Hand ans Futter annähe, sodass außen keine Naht zu sehen ist.

Nicht historisch korrekt - na und?

Ich weiß, die Bluse ist nicht zu 100% historisch korrekt genäht, denn früher gabs ja keine Overlock Nähmaschinen und überhaupt wurde alles von Hand genäht.

Aber warum soll man nicht altes mit neuem verbinden und ein wenig mixen, rum experimentieren und neues erschaffen?

Overlock Versäuberung spart einfach Zeit

Ich denke, die Menschen damals hätten das vermutlich genauso gemacht. Und gerade wenn man wenig Zeit hat, ist das versäubern mit der Overlock ruckzuck erledigt. Ich möchte sie nicht mehr missen.

Aber dennoch gibt es Sachen, die einfach mit der Hand genäht werden müssen. Was aber auch sehr entspannend sein kann, wenn man nicht gerade unter Zeitdruck steht.

Den passenden Rock dazu hab ich hier genäht.

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