Wenn die Preise unaufhörlich steigen, kein Ende der Inflation abzusehen scheint und man aber trotzdem auf hübsche Kleidung nicht verzichten möchte, dann ist selber nähen die perfekte Lösung.
Im folgenden zeige ich dir, wie du ein historisches Nachthemd nähen kannst.
Und das ganz ohne ein Schnittmuster kaufen zu müssen! Wenn man mit dem Nähen anfängt, ist es am besten mit Nachtwäsche anzufangen. Ich liebe ja Vintage Nachthemden um 1900.
Zudem hat Nachtkleidung keine komplizierten Schnitte. Und man bekommt schnell ein Ergebnis, was einen ermutigt weiter zu machen.
Vintage Unterkleid oder Chemise
Damals als Chemise oder Unterkleid getragen, macht es sich heute hervorragend als Nachthemd oder Unterhemd.
Als Material wurde meist Baumwollbatist verwendet. Vorn hatte es Biesen und die angeschnittenen Ärmel sowie der Halsausschnitt waren mit Spitze verziert.
Ausstellungsstücke historischer Unterkleider im Museum für dekorative Künste in Prag
Material
- Buch „Making Edwardian Costumes For Women“ von Suzanne Rowland
- Seidenpapier für Schnittmuster
- dünner Baumwollbatist Stoff oder Leinen, ca. 2,1 – 3 m lang bei Größe S (je nach Länge des Nachthemdes) und mindestens 1 m breit
- 2 cm breites und 1 m langes weißes Schrägband bei Größe S
- 5 cm breite und 2,5 m lange + Nahtzugabe Baumwollspitze mit Lochstickerei oder was einem gefällt
- die üblichen Näh-Utensilien wie
- Nähmaschine, Stoffschere, Nähgarn, wasserlöslicher Textilmarker, Maßband/Lineal
Hinweis
- alles wird mit einem Geradstich und einer Stichlänge von 2,5 cm genäht
- für die Seiten- und Schulternähte wird die französische Naht verwendet
- nach dem Nähen die Nähte immer schön auseinander bügeln (mit Dampf)
Schnittmuster erstellen
Zuerst erstellen wir uns das Schnittmuster wie im Buch beschrieben. Ich nehm am liebsten Schnittmuster Papier ohne vorgezeichnete Linien und zeichne mir senkrechte und waagerechte Linien im Abstand von 5 cm.
Dann übertrage ich Strich für Strich das Schnittmuster für die Chemise aus dem Buch von S. 37 auf mein Schnittmusterpapier. Diese Technik finde ich auch für Anfänger nicht sonderlich kompliziert. Man muss am Ende nur die Größe etwas anpassen. Anschließend schneidet man das Schnittmuster aus.
In dem Buch ist das Vorder- und Rückenteil gleich. Ich habe allerdings für die Rückseite das gleiche Schnittmuster noch einmal abgezeichnet, nur mit dem Unterschied, dass ich den Rückenausschnitt etwas verkleinert habe, also nicht so tief gemacht habe. Dadurch muss man das Rückenteil nicht ganz so viel raffen.
Laut Buch gibt es keine Naht bei den Schultern, sondern das Nachthemd wird dort gefaltet, d.h. Im Stoffbruch zugeschnitten, was bedeutet, dass Vorder und Rückenteil aus einem Stück bestehen. Ich habe jedoch Vorder- und Rückenteil extra ausgeschnitten und an den Schultern zusammen genäht, da ich damit besser klar komme. Aber das ist Geschmackssache, wie man das möchte.
Schnittmuster auf Stoff übertragen
Um zu sehen, ob das Schnittmuster aus dem Buch für einen passt, empfiehlt es sich, erst ein Muster aus altem oder billigem Stoff anzufertigen. Das Muster muss nicht so lang wie das ganze Nachthemd sein, sondern es reicht der obere Teil bis zur Taille, da es nach unten hin eh weiter wird. Die Weite des Vorderteils wird durch die Anzahl der Biesen angepasst.
Bei dünner weißer Baumwolle finde ich es immer schwierig mit Schneiderkreide das Schnittmuster aufzuzeichnen.
Wasserlösliche Textilmarker sind mir auf Dauer auch etwas zu teuer und zudem nicht gut für die Umwelt. Somit übertrage ich das Schnittmuster am liebsten durch lange Heftstiche auf den Stoff.
Dazu legt man das Schnittmuster auf den Stoff (beschwert es mit Gewichten, damit es nicht verrutschen kann) und heftet mit schwarzem Garn genau entlang des Schnittmusters. Dann schneidet man das Schnittmuster mit 2 cm Nahtzugabe aus.
Zusammennähen
Schulternähte
Nun näht man als erstes die Schulternähte zusammen. Dieser Schritt entfällt, wenn man es wie im Buch zugeschnitten hat, nämlich die Schulternähte im Stoffbruch. Ich hatte die Reihenfolge beim Nähen etwas anders gemacht, daher passen manchmal die Bilder nicht ganz. Aber so, wie hier im Text beschrieben, ist es am günstigsten.
Ich bevorzuge bei Nachthemden die französische Naht. Dazu legt man Vorder- und Rückenteil mit der Innenseite aufeinander, also so, wie es später richtig herum vor einen liegen würde, und heftet die Schultern erneut mit schwarzem Garn zusammen (direkt auf den vorhergehenden schwarzen Markierungsstichen).
Man kann die Schultern natürlich auch mit Stecknadeln zusammenheften.
Anschließend näht man direkt neben, aber nicht auf der schwarzen Naht, sonst bekommt man nachher Probleme, wenn man die schwarzen Fäden wieder herauszieht.
Als nächstes entfernt man das schwarze Garn, wo man mit der Nähmaschine genäht hat und schneidet die Nahtzugabe ganz knapp bis auf wenige mm zur Naht zurück.
Die Schulternaht wird nun nach innen geklappt und noch einmal mit 0,8 -1 cm Abstand zur Außenkante genäht, sodass jetzt die offene Naht innen liegt und nicht mehr zu sehen ist.
Ärmel
Nachfolgend wird die Spitze an die Ärmel geheftet und genäht. Die Spitze wird mit ca. 1,5 – 2 cm Nahtzugabe von rechts auf rechts an den Ärmel genäht, das heißt Außenseite wird auf Außenseite genäht. Danach wird nur die Nahtzugabe der Spitze auf wenige mm eingekürzt. Die Nahtzugabe vom Ärmel wird zweimal ca. 1 cm umgeschlagen in Richtung Spitze und an der Spitze festgenäht, sodass die Nahtzugabe der Spitze innen liegt und nicht mehr zu sehen ist.
Biesen
Jetzt zeichnet man sich die Biesen ein. Ich habe es ein wenig anders herum gemacht und erst die Biesen genäht und danach die Spitze an die Ärmel. Aber die Reihenfolge ist hier nicht ganz so tragisch. Für die Biesen nehme ich ausnahmsweise einen Textilmarker, der sich nach 24h wieder auflöst oder wasserlöslich ist.
Durch die Anzahl der Biesen wird die Weite des Vorderteils bestimmt. Ich hab die Biesen 1 cm breit gemacht und mit 1 cm Abstand genäht. Im Buch wird empfohlen, die mittleren 4 Biesen 16 cm lang zu machen und die restlichen immer 1 cm kürzer. Am besten probiert man es aus. Wichtig ist nur, dass man sie nicht zu kurz macht, da sie sonst nicht flach liegen bleiben und aufspringen, was unschön aussieht.
Raffung Rücken
Für die Raffung näht man beim Rückenteil entlang des Ausschnittes zwei parallele Nähte mit dem größten Stich der Nähmaschine oder per Hand (am besten andere Farbe verwenden). Diese Nähte dienen der Raffung und werden später wieder entfernt. Ein Ende wird fest verknotet und am anderen Fadenende zieht man am Faden und schiebt den Stoff auf die gewünschte Weite zusammen. Hat man die gewünschte Weite erreicht, näht man einmal genau zwischen den beiden andersfarbigen Nähten, damit die Raffung nicht mehr verrutschen kann. Danach kann man die Hilfsnähte entfernen.
Anfangs habe ich es mit Raffung versucht, fand es aber schwierig die perfekte Weite hinzu bekommen, sodass ich mich am Ende doch für eine Quetschfalte beim Rücken entschieden habe.
Seitennähte schließen
Jetzt können die Seitennähte ebenfalls mit französischer Naht geschlossen werden.
Spitze an Ausschnitt nähen
Als vorletzten Schritt wird die Spitze an den Ausschnitt genäht. Laut Buch steht die Spitze dann nach oben. Ich hatte jedoch den Ausschnitt zu tief gemacht, sodass sie von allein immer wieder nach unten geklappt ist. Daher hab ich sie so angenäht, dass sie nach unten zeigt.
Zuerst steckt oder heftet man die Spitze von der Innenseite her an den Ausschnitt, das heißt links auf links, sodass die Nahtzugabe nach außen zeigt. Ich habe sie mit ca. 1 cm breiten Quetsch-Falten festgesteckt. Die Nahtzugabe wird ganz knapp zurück geschnitten.
Dann wird die Spitze nach außen umgeklappt (die Nahtzugabe liegt jetzt zwischen Spitze und Stoff) und das Schrägband außen von rechts auf rechts und bündig an den Ausschnitt geheftet oder gesteckt und anschließend genäht.
Und zwar genau in der Naht vom Bruch (1 cm Abstand von der Außenkante).
Am besten beginnt man nicht direkt am Anfang des Schrägbandes, sondern 4-5 cm danach und hört auch 4-5 cm vor dem Ende auf. Dann kann man kurz bevor man das ganze Schrägband angenäht hat, die beiden Enden vom Schrägband zusammennähen und das restliche Schrägband annähen.
Zuletzt wird das Schrägband nach innen umgeklappt und am besten von Hand mit einem einfachen Stich so angenäht, dass von außen nichts zu sehen ist. Also nur durch die innere Schrägbandlage und Stofflage nähen, aber nicht durch die äußere Schrägbandlage durchstechen.
Saum nähen
Den Saum kann man mit einer Overlock versäubern. Schöner finde ich es jedoch, wenn er zweimal umgeklappt angenäht wird. Also erst 0,5 cm umklappen und dann noch einmal 2 cm oder je nachdem wie breit man ihn haben möchte. Dafür eignet sich das Saummaß von Prym hervorragend. Nicht vergessen zur Verstärkung das Saumband vorher aufzubügeln, was für einen besseren Halt und schöneres Ergebnis sorgt. Den Saum dann am besten mit einer Stichlänge von 3 – 3,5 cm festnähen.
Und fertig ist das Nachthemd oder die Chemise, wie man es früher nannte.
